Noel - ein langer Weg zum Glück

Heute vor einem Jahr ist Noel in unsere Familie gekommen - nun ist es an der Zeit, seine Sofageschichte zu schreiben.







Er wurde gegen Ende November 2016 zusammen mit vier Geschwistern auf der Müllkippe geboren. Seine Mutter, seine Großmutter Angira und viele weitere Hunde wurden dort regelmäßig von Foteini mit Futter versorgt. Normalerweise hätte Foteini die Welpen nicht mit zu sich genommen - sie stammten aus einer möglicherweise langen Reihe von Vorfahren, die sich allein durchs Leben schlagen mussten und Vorsicht aber auch Stärke und Unabhängigkeit war ihnen bereits in die Wiege gelegt worden. Sie wären in Freiheit vermutlich gut zurecht gekommen, doch dann stellte Foteini kurz vor Weihnachten fest, dass die Welpen nicht gesund waren. Zudem kündigte sich ein harter Winter an - für die Welpen hätte dies vermutlich den sicheren Tod bedeutet. So machten Foteini sich daran, die Welpen einzufangen - ein schwieriges Unterfangen und Noel war der erste, den sie mit nach Hause brachte, da er bereits zu schwach war, um sich zu verstecken. Sie gab ihm den Namen Noel, da er am 22. Dezember gerettet wurde und sein kleines persönliches Weihnachtswunder erlebte. In den nächsten Tagen konnte Foteini auch seine Geschwister, Honey (Boy), Joseph, Heide und Simba (Sebax) zu sich holen, alle waren nicht besonders gesund, doch Noel hatte es am ärgsten getroffen. Doch nun, in der Wärme und mit Foteinis Fürsorge konnten sie gesund werden und überleben.





Die ersten Wochen verbrachten die Welpen bei Foteini und konnten sich dort geborgen und warm erholen. Als sie größer und munterer wurden, brachte Foteini sie gemeinsam in ihr Gehege, dort hatten sie mehr Platz zum Toben. Mittlerweile waren sie auch nicht mehr ganz so scheu, besonders Noel hatte festgestellt, wie schön es sein kann, von einer freundlichen Menschenhand gestreichelt zu werden und zu Foteini und ihrer Familie hatten alle Vertrauen gefasst.Noels Brüder jedoch sind bis heute sehr zurückhaltend.

Seine Schwester Simba hatte das große Glück, recht bald ihre eigene Familie zu finden und aus dem einstmals so scheuen Mädchen ist eine imposante Schmusehündin geworden.

Die anderen verbrachten weiterhin ihre Tage im Gehege. Sie hatten dort ausreichend Hundegesellschaft, immer genügend Nahrung und bekamen, so weit es bei so vielen Hunden möglich ist, auch ihre Schmuseinheiten.

Doch natürlich haben sie so vieles gar nicht kennengelernt. Sie kannten nur ihre kleine Welt. Ein Leben im Haus mit all seinen Geräuschen, mit Menschen, die kommen und gehen, lachen, streiten, weinen, Radio und Fernseher, Kaffeemaschine und Staubsauger, Telefone, in die die Menschen sprechen, obwohl gar kein anderer da ist – all diese Dinge waren ihnen vollkommen fremd. (Deprivationssyndrom)



Die Monate verstrichen, es wurden Jahre daraus und im Herbst 2019 gelang es Noels Schwester Heide, eine eigene Familie zu finden. Ich hoffe sehr, dass sie mit dem Leben außerhalb des Geheges gut zurechtkommt und sie genau wie Simba ein glückliches Leben als geliebte Familienhündin führt.

Für Noel und seine Brüder ging das Leben im Gehege weiter seinen gewohnten Gang. Während Honey-Boy und Joseph weiterhin sehr scheu waren, hat sich Noel immer gefreut, wenn Panagiotis, Foteinis Sohn, ein wenig Zeit übrighatte, mit ihm zu kuscheln.

Für sie war es ein gutes Leben – sie hatten ihr Rudel, ein Dach über dem Kopf und wurden immer satt. Vielleicht wäre es gerade für die Jungs schöner gewesen, weiterhin in Freiheit zu leben. Doch ohne Foteinis Fürsorge hätten sie den ersten Winter nicht überlebt.

Hätte sie sie im Sommer wieder in die Freiheit lassen können? Schwer vorstellbar – ihnen hat wichtige Zeit mit ihrer Mutter und ihrem Rudel gefehlt, ihnen liegt vieles im Blut, aber vieles hätten sie auch lernen müssen. Zudem wären sie Eindringlinge in einem festen Rudel gewesen, man hätte sie dort einfach nicht mehr akzeptiert. Foteini hat die Verantwortung für sie übernommen – Tierschutz ist wohl nicht immer einfach und auch mit solchen Gedanken muss ein verantwortungsvoller Mensch wie Foteini zurechtkommen. Ihr könnt demnächst dazu mehr über Joseph und Honey-Boy lesen in der Rubrik "Wir bleiben in Griechenland".




Im Jahr 2020 gab es eine Anfrage aus Deutschland für Noel. Foteini freute sich für ihn doch sie kannte ihn auch gut. Ihr war klar, dass Noel überhaupt nichts von der Welt da draußen wusste und mit seinen fast 4 Jahren und Ahnen, die nur das Leben auf der Straße kannten, würde er viel Zeit benötigen und vor allem Menschen, die Verständnis und Geduld für ihn aufbringen.

Er wollte menschliche Nähe, das hatte er bereits oft genug gezeigt, er hat einen freundlichen und liebevollen Charakter, alle Welpen durften ihm buchstäblich auf der Nase herumtanzen, aber er würde bei seinem Start in ein anderes Leben eine liebevolle und helfende und vor allem geduldige Hand benötigen.

Foteini und ihre Familie versuchten, ihn ein wenig vorzubereiten und nahmen ihn einige Tage vor seiner großen Reise mit zu sich nach Hause. Foteini sagt, dass er mich dort richtig gut gemacht habe. Er ging an der Leine spazieren – das war natürlich ganz neu für ihn, aber er war ja von Menschen umgeben, denen er vertraute. Im Haus hat er sich richtig gut benommen und war auch nicht übermäßig ängstlich. Besonders gut hat ihm natürlich gefallen, dass Panagiotis hier viel mehr Zeit hatte, mit ihm zu schmusen.

So kam schließlich der 03. Oktober 2020 und er ging gemeinsam mit Foteini (und meinem ehemaligen Pflegehund Ifiklis) auf die große Reise.




Noel kam mit dem Flugzeug - seit Corona kommen die Hunde meist auf dem Landweg und auch wenn dies länger dauert, habe ich persönlich das Gefühl, dass sie die Autofahrt deutlich besser verkraften. Für Noel war jedenfalls allein die Reise schon ein schwer zu verarbeitendes Erlebnis. Ich holte damals Foteini und Ifiklis am Flughafen ab - wüsste man manchmal doch vorher, was geschieht...ich hätte ihn vermutlich da schon mit nach Hause genommen. So fuhren wir ihn in seiner Box endlos lange über rumpelnde Wege durch die Parkhäuser, bis wir am Auto seiner Adoptanten ankamen. Die Box war zu groß für das Auto und so musste Noel erst noch ins Auto bugsiert werden. Dann haben sich unsere Wege erst einmal getrennt.


Foteini hatte Unruhe und so versuchte sie, ständig in Kontakt mit der Familie zu bleiben. So erreichte uns am 27.10.2020 die schreckliche Nachricht: Noel war entlaufen. Er hatte sich bis dahin überhaupt noch nicht eingewöhnt, verbrachte seine Tage in Verstecken und nutzte anscheinend einen kurzen unbeobachteten Moment, um durch die Haustür zu entwischen. Er lebte damals sehr ländlich auf einem Hof, dessen Grundstück nicht eingezäunt war. So konnte er bereits überall sein. Dank der Hartnäckigkeit von Foteini und Stray, dem vermittelnden Verein, wurde schließlich Silvia Brewe eingeschaltet, die die Suche organisierte und Noel am 31.10.2020 tatsächlich völlig panisch aber unverletzt sichern konnte. Er hatte sich ein Versteck ganz in der Nähe gesucht und konnte in einem leerstehendem Zwinger auf einem Nachbarhof gesichert werden.

Seine Besitzer gaben ihn nun frei, doch wohin mit ihm? Silvia hätte ihn gerne in ihr Rudel aufgenommen, doch bei ihr war schon alles voll. So wurde er schließlich in einer Pension untergebracht, um dort erst einmal wieder zur Ruhe zu kommen. Dort wurde er gut versorgt doch es zeigte sich, dass Noel mittlerweile völlig überfordert und traumatisiert war und dringend einen Platz benötigte, wo er einfach sein durfte und niemand etwas von ihm erwartete. Wir - Ute, Birgit und ich - hatten Bilder von ihm in der Pension gesehen und sein Blick ließ uns nicht los. Wie lange überlegten wir hin und her, doch uns wollte keine Lösung einfallen. In dieser Zeit zeichnete Ute Bilder von ihm und nach und nach entstanden einige Geschichten von Karma Klaus über ihn und seine Brüder. Wir hofften, ihm auf diese Weise gute Energie mit auf den Weg zu geben, ihm zu helfen, sich nicht aufzugeben, während wir nach einer Lösung suchten.


Die Bilder aus der Pension von Noel ließen mich einfach nicht mehr los - grundsätzlich hätte ich Zeit und Platz für ihn. Durch die Pflege meines Lebensgefährten bin ich den ganzen Tag zu Hause, er hätte hier einen gesicherten Garten, Platz im Haus und Hundekumpel, die absolut verträglich sind. Doch ich hatte auch Angst vor dieser Aufgabe. Noel ist ein Riese, was, wenn er plötzlich aggressiv werden sollte? Oder ich ihm nicht gerecht werden könnte. Er stand kurz davor, sich aufzugeben, viel Hin und Her hätte er sicherlich nicht mehr verkraftet. Heute noch bin ich dankbar für die vielen Gespräche mit Ute, Birgit und Tanja, die mir Mut machten und ihre Unterstützung versprachen. So wagte ich den Schritt und am 19.12.2021 - heute vor einem Jahr - kam Noel schließlich zu uns. Ich adoptierte ihn - danke an Stray - und war fest entschlossen, ihn wo immer es ging zu unterstützen. Notfalls wäre ich sogar bereit gewesen, ihn zu Foteini zurückzuschicken - nicht um ihn loszuwerden, sondern um ihm seine Sicherheit wiederzugeben.




Meine Tochter holte ihn zusammen mit ihrem Freund ab. Er sollte Beruhigungspillen bekommen, um ihm die weite Fahrt so leicht wie möglich zu machen. Doch es war kein Denken daran, ihn in die Box zu bekommen, so baute meine Tochter einfach das Auto Noel-gerecht um und brachte ihn sicher nach Hause. Dort hatten wir das Auto dann direkt vor der Haustür geparkt, die Seiten mit Mülltonnen gesichert, so dass ihm nur der Weg ins Haus blieb. Ich glaube, an dem Tag war Noel nicht der einzige, der sich vor Angst am liebsten in die Hosen gemacht hätte...


Er flüchtete sich gleich in eine Ecke in der Küche - bis heute sein Lieblingsplatz. In den ersten Tagen gelang es mir nicht einmal, die Leine abzumachen, er ließ niemanden auch nur in seine Nähe. Aber er hatte sich einen guten Platz ausgesucht. Dort kam keiner vorbei und störte ihn, er hatte dort wenigstens ein bisschen das Gefühl der Sicherheit. Wurde ihm dort der Trubel zuviel, hatte er schnell erkannt, dass im Wohnzimmer in einer Ecke noch ein Körbchen stand, in das er ausweichen konnte. Viele Monate hat er CBD-Öl bekommen, wurde unterstützt mit ätherischen Ölen und homöopathischen Mitteln, zusätzlich machte ich noch einen Tellington Ttouch Kurs und beriet mich mit einer Tierkommunikation. Vielleicht hat es Noel nur indirekt geholfen - mir jedenfalls gab es viel Ruhe und Sicherheit im Umgang mit ihm.


So lebten wir viele Monate praktisch nebeneinander her. Mittlerweile durfte ich immerhin beim Füttern in der Küche bleiben, wenn Nelli, der Hund meiner Tochter kam, versuchte sie regelmäßig, ihn zu bespaßen, was Noel auch immer besser gefiel. Wenn Nelli zu mir kam, um sich ihre Streicheleinheiten abzuholen, kam er irgendwann auch unter den Tisch und schaute sich das genau an. Ein großer Durchbruch kam, als Fottis - heute Shiny - eine Weile als Pflegehund zu uns kam. Er ist ein großer Menschenfreund und zeigte Noel, dass es überhaupt keinen Grund gibt, sich nicht anfassen zu lassen. So lag Noel nun öfter unter dem Tisch an meinen Füßen, ich musste ihn jedoch völlig ignorieren.


Als Shiny abgeholt wurde - Petra und Ulli hatten eine weite Fahrt für ihn auf sich genommen und hier übernachtet - waren es für Noel völlig fremde Geräusche, morgens jemanden aus dem Keller zu hören und er zeigte sehr lautstark, dass ein Herdenschutzhund in ihm steckt.


Seitdem liebt er es, Fremde aus dem Haus zu bellen (dabei ist er zum Glück kein Kläffer wie mein alter Reece...) und man merkt ihm seither an, dass er jeden Tag ein wenig mehr ankommt. Er liebt es, wenn man Blödsinn mit ihm macht - wie ein kleines Kind lacht er, wenn man unter dem Tisch kuckuck mit ihm spielt und dann laut lacht - auch wenn wir für Außenstehende vielleicht seltsam sind - diese Momente bringen unglaublich viel Glück ins Haus.


Noels Weg wird noch ein langer sein, doch haben wir heute bereits mehr geschafft, als ich vor einem Jahr gedacht hätte. Seit wenigen Tagen erst folgt er mir ins Wohnzimmer und geht nicht sofort ins Körbchen sondern kommt erst einmal ans Sofa um sich eine Streicheleinheit abzuholen. Seit einigen Wochen hat er wiederentdeckt, wie toll Schmusen ist - er liegt unter dem Tisch und streckt mittlerweile alle viere von sich, um sich den Bauch kraulen zu lassen.

Gestern erst ist er zum ersten Mal von sich aus zu meiner Tochter gekommen, um sich streicheln zu lassen - vor Männern hat er weiterhin große Angst, doch auch mein Sohn ist fast so weit, dass er ihn anfassen darf. Und heute - nach genau einem Jahr, durfte ich mein Gesicht an seinen Kopf legen und danach seine Pfote in die Hand nehmen.


Solche Kleinigkeiten - selbstverständlich bei so vielen unserer Haustiere - machen mich unglaublich glücklich, denn von einem Hund wie Noel sind sie ein Vertrauensbeweis und langsam denke ich, auch er ist im Zuhause im Glück ♥




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