• Karma-Klaus

Träumen mit Karma-Klaus

Der Wert der Kastration


Klausi verbrachte weiterhin seine Nachmittage im Tierheim, wenn seine Mutter arbeiten musste.

Er erlebte dort viele Geschichten mit traurigen Hintergründen. Oft machte ihn das fehlende Mitgefühl der Menschen unglaublich traurig. Es war ihm unverständlich, wie man sein Tier aus oft so fadenscheinigen Gründen abgeben konnte. Wie konnte es sein, dass ein Tier jahrelang Teil einer Familie war und plötzliche bei den kleinsten Schwierigkeiten weg musste?

Wie konnte es sein, dass sogenannte Familientiere völlig verwahrlost im Tierheim ankamen?

Er machte sich viele Gedanken und auch seine Träume begleiteten ihn weiterhin. Auch träumte er immer wieder von dieser griechischen Tierschützerin und dem ganzen Leid, das sie täglich sah.

Durch seine Träume und auch durch viele Geschichten und Gespräche der Tierheimmitarbeiter, wurde ihm bewusst, dass durch Kastrationen schon sehr viel Leid vermieden werden könnte.



Eines Nachmittags fragte Andrea – die Tierheimmitarbeiterin – ihn, ob er sie zum Tierarzt begleiten möchte, um ein paar wichtige Medikamente abzuholen. Dankbar für die Abwechslung willigte Klausi ein. Als Andrea mit dem Tierarzt sprach, wartete Klausi im Wartezimmer.

Dort saß eine Frau mit ihrem schwerkranken Hund. Die Frau war zu traurig, um die Geschichte des Hundes zu erzählen, doch als der kleine Klaus ihn streichelte, spürte er schon eine Verbindung zu dem kleinen weißen Fellknäuel und wusste, dass er wieder eine traumerfüllte Nacht haben würde.

Ein bisschen was hatte auch Andrea von der Geschichte des Hundes aufgeschnappt und erzählte Klaus, dass dieser Hund ein Zwitter sei. Natürlich wusste Klaus nicht, was das zu bedeuten hatte, doch sein nächster Traum sollte ihm einige Antworten auf Dinge bringen, von denen er zuvor noch nie gehört hatte.


Abends als Klausi dann ganz in Gedanken versunken in seinem Bett lag, nahm er auch schon den wohlbekannten Duft von frischem Pansenpups wahr. Wie jeden Abend hielt er seinen grünen Plüschhund mit den orangefarbenen Ohren und der Klugscheißerbrille auf der Nase in den Armen. Er nahm gerade noch wahr, dass sein Karma-Klaus zu leuchten anfing, als er auch schon eingeschlafen war.

Und schon landete er im Land der Träume:

Er träumte von einem kleinen Hundemädchen, das auf einem Bauernhof geboren wurde. Sie war die Tochter der Hofhündin und sollte, wenn sie niemand haben wollte, im naheliegenden Bach ertränkt werden. Dieses Schicksal hatte schon einige Welpen der vorhergehenden Generationen getroffen.

An Kastrationen wurde dort leider nicht gedacht. Der Bauer kannte es nicht anders, denn seine Eltern und auch seine Großeltern hatten auf diese Weise schon alle „überflüssigen“ Hundewelpen und auch Katzenkinder entsorgt. Auch wenn der Bauer von der Möglichkeit der Kastration wusste, fühlte sich für ihn, das was er tat, ganz normal an, denn er kannte es nicht anders. Das Mitgefühl, das er als Kind noch mit den Tieren hatte, verlor sich mit der Zeit, als er seinem Vater bei diesen Dingen zur Hand gehen musste …

Und mittlerweile machte er sich längst keine Gedanken mehr darüber.


Das kleine Hundemädchen aber hatte Glück, dass eine Familie, die gerade auf der Suche nach einem Welpen war, davon erfuhr und sie schnell dort wegholte, bevor auch sie dieses traurige Schicksal erleiden musste.


So wurde Nina adoptiert und ihre Welt schien in Ordnung zu sein. Sie war ein fröhliches Hundemädchen, zart und sensibel. Doch plötzlich bemerkte ihre Familie, dass sie Probleme beim Pipimachen hatte. Sie pinkelte regelrecht aus zwei Löchern. Der Besuch beim Tierarzt war schockierend, denn dieser stellte fest, dass Nina sowohl weiblich als auch männlich war. Sie musste operiert werden und so wurde aus Nina der kleine Rüde Nino.

Nino hatte dann eine Weile ein glückliches Leben, fing aber plötzlich an zu kränkeln. Zuerst waren es epileptische Anfälle und schon bald stellte sich heraus, dass seine Bauchspeicheldrüse nicht mehr arbeiten würde.

Nino wurde Opfer seiner Herkunft und ging viel zu jung über die Regenbogenbrücke.


Klausi wachte tränenüberströmt auf und krabbelte mitten in der Nacht trostsuchend zu seiner Mutter ins Bett.

Nachdem er ihr dann am nächsten Morgen von seinem Traum erzählt hatte, rief sie in der Tierarztpraxis an, in der Hoffnung, mehr zu dem kleinen Hundejungen zu erfahren.

Und auch der Tierarzt hatte wissen wollen, wie das alles hatte passieren können und hatte Nachforschungen angestellt.

Es stellte sich heraus, dass Nino tatsächlich auf einem sehr ländlich gelegenen Bauernhof geboren wurde. Seine Eltern waren Bruder und Schwester, was dann auch die „Abnormitäten“ und die Folgeerkrankungen erklärte – all dies waren die Ergebnisse der Inzucht.

Der Tierarzt erklärte, dass dies auch heute noch leider kein Einzelfall sei und es auch hierzulande noch viel Aufklärungsbedarf bezüglich Kastrationen gäbe. Das hauptsächliche Problem läge immer noch bei den sogenannten Hofkatzen, aber wie bei Ninos Geschichte, gäbe es auch immer noch Hunde, die betroffen wären.

Zudem erzählte er Klausis Mutter, dass es oft ähnliche Probleme mit „Billigwelpen“ aus dem Ausland gäbe, bei deren Züchtung kein Augenmerk darauf gerichtet würde, ob evtl. Geschwistertiere verpaart werden.

Aber das ist noch ein ganz anderes trauriges Thema …


Klausi hatte das wohl alles auch in seinem Traum gesehen, sich aber nicht wirklich vorstellen können, dass es so etwas tatsächlich geben könnte.

Die Geschichte machte ihn traurig und er fühlte sich macht- und hilflos.

Was könnte er nur tun, um etwas zu verändern?

Und so beschloss er, am nächsten Tag eine Radtour zu den umliegenden Bauernhöfen zu machen und nachzufragen, ob die Hunde und Katzen dort kastriert seien. Zudem wollte er den Menschen dort die Geschichte von Nina, die zu Nino wurde, erzählen.

Während er bei der älteren Generation eher auf Unverständnis traf, fand er aber bei den Gleichaltrigen interessierte Zuhörer.

Diese jungen Zuhörer, also die nächste Generation, sind vielleicht genau die, die von nun an diese Dinge hinterfragen und somit selbst besser machen können …


Als Klausi merkte, wie interessiert die anderen Kinder an seinen Geschichten waren, fing er an, immer wenn er einige Kinder um sich hatte, von seinen Träumen zu erzählen. Nicht alle wollten ihm glauben, doch es gab immer ein paar, denen das Leuchten des grünen Plüschhundes mit den orangefarbenen Ohren und der Klugscheißerbrille auf der Nase auffiel oder denen beim Zuhören der Duft von frischem Pansenpups in die Nase stieg.


(In liebevoller Erinnerung an Kassandro)




13 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen