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Die Geschichte von Tanne und Tanne


(aus „Elfentanz und Waldgeflüster“ von Theresia Arbia)


Es war einmal, als die Erde noch eine Scheibe war, da wurde im tiefen Schwarzwald, der so schwarz war, weil die Tannen so dicht beieinanderstanden und mit ihrer Spitze die Wolken berührten, ein Mädchen geboren, und weil die Eltern eben im Schwarzwald zu Hause waren, nannten sie es ganz einfach Tanne.

Tanne war mit ihrem Namen zufrieden, wusste sie sich doch beschützt und geliebt von all ihren Namensvetterinnen.

Besonders eine noch ganz winzige Tanne, die ganz nahe zum Eingang ihres Elternhauses wuchs, hatte sie in ihr Herz geschlossen.

Eigentlich sollte eine Tanne nicht so dicht an einem Wohnhaus stehen, da sie, wenn sie größer wurde, das wenige Licht, welches durch die kleinen Fenster fiel, auch noch wegnehmen würde.

Das Mädchen Tanne aber hatte Vater und Mutter so lange und mit solcher Vehemenz gebeten, dass die Eltern es nicht übers Herz brachten, den Lieblingsbaum ihrer Tochter zu fällen.

Als Gegenleistung, so befanden sie, solle sich Tanne auch um ihren Baum kümmern.

Im Frühling musste sie die jungen Austriebe sammeln, dabei aber immer darauf achten, dass sie nur einen der drei Triebe vorsichtig abrupfte.

Diese wurden dann verarbeitet zu einem Hustensirup.

Hustensirup

Lagenweise wurden Honig, klein geschnittener Spitzwegerich und

die jungen Triebe der Tanne in heiß ausgespülte Gläser gefüllt und

gut verschlossen 3 – 4 Monate in die Erde eingegraben.

Im Herbst und Winter war der Hustensirup eine willkommene

Wohltat gegen lästigen Husten.

Auch das Harz verwendete man früher als Heilmittel, und so war es

auch Tannes Aufgabe, Tannenharz ganz vorsichtig zu sammeln,

um es zu Salben zu verarbeiten, die zur schnellen Wundheilung durch

die antiseptische Wirkung gebraucht wurden. Bis heute wird das Harz,

welches außerdem noch blutreinigend wirkt, in Rheuma- und

Arthrose-Salben verarbeitet.

Ein bisschen vom gesammelten Harz behielt Tanne immer zurück,

um es zusammen mit Süßholzsaft und Bienenwachs zur Kräftigung

des Zahnfleisches in leckeren Kaugummi zu verwandeln.

Für den Vater, der im nahen Bergwerk arbeitete und Probleme mit

den Bronchien und der Lunge hatte, mussten immer einige noch

grüne Zapfen bereitliegen, um ihm daraus ein ätherisches Öl,

das Tannenöl, zuzubereiten. Dazu brauchte Tanne ca. 7 klein

geschnittene Zapfen; diese kochte sie in ca. einem Liter Wasser,

zugedeckt für ca. 10 Minuten.

Dann ließ sie es durch ein Sieb laufen – fertig!

Dreimal am Tag musste ihr Vater damit gurgeln.







Tanne liebte ihren Baum innig. Gerade in der dunklen Jahreszeit, wenn sich vor lauter Kälte alles in sich selbst verkrochen hatte und Winterschlaf hielt, war es die immergrüne Tanne, die der Hoffnung auf das Frühjahr und die Wiederkehr des Lichts Nahrung gab.

Und am 21. Dezember ist es dann jedes Jahr wieder so weit, im Wendekreis des Krebses schafft es das Licht, das Dunkle zu besiegen.

Bei den Kelten und den Germanen wurde die Rückkehr des Lichts mit dem Julfest, der Wintersonnenwende, begangen.

Für Tanne war dies ein wundervolles Fest, denn der Vater brachte einen schön gewachsenen Tannenbaum nach Hause. Dort wurde er traditionell mit Kerzen, Nüssen und Äpfeln, die vorher so lange poliert wurden, bis sie glänzten, geschmückt. Die Großmutter backte ihre berühmten Lebkuchen, meistens in Form von kleinen Tannen, die dann auch noch an den Baum gehängt wurden.

Lebkuchen nach Großmutters Art

ca. 4 Tassen Dinkel- oder Buchweizenmehl, 3 Eier,

mindestens 2 Tassen Rohrrohzucker, 1 großer Becher Buttermilch,

1 Teelöffel Weinsteinbackpulver, etwas Natron,

Zimt, Lebkuchengewürz, Kardamom, Koriander,

Zitronat und Orangeat, Rosinen, gehackte Mandeln,

nach Belieben etwas Kakaopulver. Zucker und Eier schaumig schlagen,

Mehl und Buttermilch einrühren, danach alle anderen Zutaten so lange rühren,

bis ein schöner glatter, nicht so fester Teig entsteht.

Auf dem Backblech in Förmchen nach Belieben füllen

und ca. 20 Minuten bei 180 °C im vorgeheizten Ofen backen.

Schon die kurzen Tage und langen Abende im November waren für Tanne wunderschön, und gerne dachte sie als erwachsene Frau an ihre Mutter und ihre Großmutter, wie sie gemeinsam in den Spinnstuben gesessen oder duftendes Backwerk in den Ofen geschoben hatten.

Die Luft war geschwängert vom herrlichen Duft nach Zimt, Nelke und Koriander. Frauengeschichten wurden erzählt und manchmal auch Gruselmärchen. Die Kinder wurden einander versprochen und so Familienbande geknüpft. Vor allem aber war es eine Zeit der Herzenswärme und der Geborgenheit.

Tanne liebte diese Zeit, doch war diese Zeit des Behütetseins auch ein Sich-Wappnen, um den Stürmen des Lebens standhalten zu können.

Bisher hatte sich Tanne keine Gedanken darüber gemacht, woher die schönen Bäume kamen, die Vater an den Julfeiern mit nach Hause brachte, bis eines Tages der Vater des Morgens zu Tanne sprach:

‚Mein liebes Töchterlein, deine Tanne ist jetzt groß genug und ich kann sie nicht länger wachsen lassen, sonst bekommen wir kein Sonnenlicht mehr im Haus.‘

Das Mädchen war wie vor den Kopf geschlagen, und zum ersten Mal dachte sie darüber nach, was den Tannenbäumen denn geschah, bevor sie geschmückt und in den Wohnstuben aufgestellt wurden.

Nie wieder wollte sie eine Tanne getötet wissen, auch wenn diese nach dem Julfest zu Kleinholz oder zu Wildfutter verarbeitet wurde.

Sie lief zu ihrem Baum und erzählte ihm alles, und unter Tränen beratschlagten die zwei Tannen, was zu tun sei, um ihren Baum zu retten.

‚Ich werde dein Leben retten`, sprach Tanne und lief zum Schuppen, wo der Vater seine Werkzeuge aufbewahrte, nahm einen großen Spaten und lief zum Baum.

‚Ich werde dich jetzt ausgraben, liebe Freundin, es wird vielleicht ein bisschen wehtun, aber ich werde dich retten.‘

So behutsam, wie sie nur konnte, grub sie ihren Baum aus und schleifte ihn vorsichtig durch den nahen Wald, bis sie einen schönen Platz mitten auf einer kleinen Lichtung fand. Hier sollte ihr Baum seine neue Heimat finden.

Von nun an gab es keinen geschmückten Baum mehr in Tannes Elternhaus. Auch als Tanne schon längst verheiratet war und selbst Kinder hatte, machten sich alle Familienmitglieder schwer bepackt mit Äpfeln, Nüssen und Lebkuchen zum Fest der Wintersonnenwende auf den Weg zu der kleinen Lichtung zu Tannes Baum, der inzwischen so groß geworden war, dass er nur noch ganz unten geschmückt werden konnte.

Am 21. Dezember dann ging Tanne ganz alleine in den Wald zu ihrem Baum, stellte eine kleine Laterne zum Baum, sodass sich das Wild oder vielleicht auch ein Zwerg an den am Baum hängenden Köstlichkeiten laben konnte …

Und du, der du nun weißt, dass die Bäume leiden müssen, um dich für nur so kurze Zeit zu erfreuen, wie wirst du dich entscheiden?“


Diese und viele schöne Geschichten und Rezepte, die durch das ganze Jahr begleiten findet ihr in dem Buch

„Elfentanz und Waldgeflüster – Zeit für Wunder und Geschichten von Theresia Arbia.

Verlag Begegnungen, 148 Seiten, mit farbigen Illustrationen, ISBN 978-3-946723-37-0, 14,95 Euro


Wir freuen uns sehr, dass wir die Erlaubnis vom Verlag Begegnungen erhalten haben, euch diese schöne Geschichte zur Einstimmung auf unseren Kalender und in eine gesunde und besinnliche Adventszeit zu zeigen.



Die Fellnasen, Foteini und alle Mitwirkenden wünschen euch einen schönen 1. Advent!




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